Dictionnaire Étymologique de l'Ancien Français

Ad fontes!

Abbildung einer Weinlese Hardos ist einer jener eher unscheinbaren Artikel des Bandes H, der gleichwohl sehr geeignet ist, die Charakteristika des DEAF erkennen zu lassen: Wissenschaftlichkeit, Innovativität, Effizienz. Gerade wegen seiner einfachen Strukturen ist das Beispiel anschaulich und überzeugend.

Hardos steht in keinem der im 20. Jahrhundert geschriebenen Wörterbücher und es fehlt auch in denen von Lacurne (1875 - 1882) und Godefroy (1880 - 1902). Es findet sich in Henschels Nachträgen von 1850 zum Glossar von Dom Carpentier (1766) in Anschluß an Du Cange (1678). Als Quelle des Eintrags ist «Roman de Roncevaux, pag. 44» angegeben, was nicht sehr aussagekräftig ist, da mit diesem Titel mehrere unterschiedliche Texte bezeichnet sein können. Der Text, um den es tatsächlich geht, läßt sich schließlich identifizieren als Fassung des Rolandsliedes in der Handschrift von Châteauroux; unser Wort - sofern es denn tatsächlich existieren sollte - stammt also nicht aus irgendeinem verstaubten Dokument zweifelhaften Ranges, sondern, man darf das getrost noch einmal sagen, aus einer der Handschriften des berühmten Rolandsliedes, einem der Meisterwerke französischer und europäischer Literatur. Die wissenschaftlich zuverlässigste Ausgabe dieses Textes von Foerster (1883) enthält kein Glossar, und die beiden von Henschel zitierten Verse lassen den größeren Kontext der Szene nicht erkennen, in der hardos vorkommen soll, so daß keine andere Möglichkeit bleibt, als den Text zu überfliegen.

Das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand: Das Wort findet sich tatsächlich in dieser Handschrift dieses Textes. Henschel hatte hardos nicht definiert, es gilt also nun, das Wort einer semantischen und etymologischen Analyse zu unterziehen. Die Lektüre des größeren Kontextes, die Kenntnis des Gesamtwerkes und der Vergleich mit den verwandten Handschriften, in denen sich die Lesart ardos findet, machen klar, daß es sich um ein qualifizierendes Adjektiv zur Bezeichnung eines Abgrundes oder tiefen Brunnens handeln muß. Die etymologische Fährte, gestützt zum einen auf eine gesicherte Form, zum anderen auf eine einigermaßen deutliche semantische Vorstellung, führt hin zu lt. arduus "steil, mühselig", das im Rahmen der Neubearbeitung des Französischen Etymologischen Wörterbuchs (FEW) Gegenstand eines Artikels von Gilles Roques war. Die Identifizierung des Wortes bringt die ersten Ergebnisse und die nächsten Fragen mit sich: hardos ist der älteste Vertreter der gesamten Familie im galloromanischen Sprachraum und die Endung steht einzigartig da (lediglich noch einmal belegt in einem mit Sicherheit unabhängigen neuprovenzalischen Wort): ist unsere Form nun das Ergebnis einer erbwörtlichen Entwicklung oder einer Ableitung? Ist das lateinische Suffix -uus tatsächlich untergegangen ohne Spuren zu hinterlassen außer in einigen gelehrten Entlehnungen (darunter just ardu)? Die einschlägigen Artikel des FEW sowie die zu Rate gezogenen morphologischen Untersuchungen geben keine Antwort.

Was die literarische Seite anbelangt, so läßt unser Wort für die Entwicklung der verschiedenen Rolandslied-Versionen eine gewollte Abkehr vom Märchen- und Zauberhaften erkennen. Im archaischen Oxforder Roland versucht der Titelheld vergeblich, Durendal, sein heiliges Schwert, zu zerbrechen; sterbend verbirgt er es schließlich unter seinem Körper, damit es nicht den feindlichen Heiden in die Hände falle. Der Autor bzw. Bearbeiter des Châteaurouxer Rolands hält es dagegen für angemessener, das heilige Schwert für immer in einem vergifteten, den Menschen unzugänglichen Abgrund verschwinden zu lassen. Zu verstehen ist dies als Hinweis auf einen Mentalitätswechsel: Der Autor des 13. Jahrhunderts sieht als Kind seiner Zeit die Welt etwas realistischer als der der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert. Dieser – von der Moderne freilich noch weit entfernte – Realismus mag ihn zu der Änderung angeregt haben.

Lohnt es sich, so bleibt die Frage, für ein derartiges Wort mehrere Stunden eines Forscherlebens zu opfern? Zum einen, so muß man sagen, kann die Frage so nicht gestellt werden, denn schließlich ist es die erklärte Aufgabe des Forschers, dem Fortschritt des Wissens und der Wissenschaft nach Möglichkeit zu dienen: Eine andere Haltung widerspräche dem wissenschaftlichen Selbstverständnis und bedeutete eine Vergeudung von Mitteln. Zum anderen, und unter Anerkennung der Berechtigung der Frage, sind es die Ergebnisse selbst, die die Antwort geben müssen, Ergebnisse, die sich im Rahmen einer reinen und ernsthaften Forschung nahezu zwangsläufig einstellen. Im Falle von hardos heißt dies: Ein unklares Wort aus einer vernachlässigten Quelle wurde lokalisiert und identifiziert; durch den neu gefundenen ältesten Zeugen einer Wortfamilie erscheinen die jüngeren Vertreter dieser Familie in einem anderen Licht; die Diskussion einer morphologischen Frage kann neu belebt werden; das Verständis eines wichtigen Textes wird durch mentalitätsgeschichtliche Überlegungen gefördert – ein Steinchen konnte in das Mosaik eingefügt werden, als welches sich das Bild unserer Vergangenheit darstellt. Wie es scheint, eine reiche Ernte für ein solch kleines Wort, und der Beweis dafür, daß die Forschung immer lohnenswert ist, auch bei so unscheinbaren Wörtern wie hardos.


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